Langversion der Story von Jerzy und Judith

 

„Jerzy und Judith“, das ist die wahre Geschichte einer bezaubernden und kostbaren Freundschaft: Die elfjährige, hochbegabte Geigerin Judith reist mit Jerzy, dem letzten Überlebenden von Schindlers Liste in Deutschland, an die Orte seiner polnischen Kindheit. Hier erzählt Jerzy Judith, wie er, der Junge von Schindlers Liste, in den Ghettos und Konzentrationslagern überleben konnte: durch die Musik.

Trailer: „Ich stand auf Schindler Liste“, eine Produktion des WDR, die über den Mitschnittservice angefordert werden kann.


Jerzy, bewegt von der Reaktion des Publikums auf seine Erzählungen, Konzertlesung Kempen


Judith, Konzertlesung in Köln, im Gespräch mit Angela Krumpen


Judith startet beim Eurovison Young Musicians, der kleinen Klassikschwester des ESC’s, 2014 für Deutschland


Auszug aus Schindlers Liste mit Eintrag zu Jerzy Gross. Auf der Liste wurde er zu seinem Schutz durch das Geburtsjahr 1928 ein Jahr „älter gemacht”.

In der Geschichte von Jerzy und Judith verbinden sich zwei Menschen, zwei Generationen und große Themen. „Spiel mir das Lied vom Leben. Judith und der Junge von Schindlers Liste“ erzählt von der Freundschaft eines Mädchen und eines alten Herrn, vom Holocaust und der rettende Kraft der Musik. Steven Spielberg hat aus dem Stoff von Schindlers rettender Liste ein weltweit bewegendes Hollywooddrama gemacht. Hier erzählt ein alter Herr, der diese berühmte Geschichte als Junge selber erlebte, einem jungen Mädchen von heute. Jugendliche bekommen so einen einzigartigen Zugang, um sich in Grauen und Terror der Nationalsozialisten einzufühlen.

Als Kind auf Schindlers rettender Liste

Jerzy Gross war zehn Jahre alt, als Hitler Polen überfiel. Als Sohn eines jüdischen Vaters, Bauingenieur in Krakau, traf Jerzy Gross das Schicksal aller Juden in Europa. Das hoffnungsvolle Geigentalent litt in zwei Ghettos und drei Konzentrationslagern. Im Holocaust verlor er mehr als 60 Mitglieder seiner Familie. Er selber überlebte und baute sein Leben, schon als 15jähriger und ganz auf sich alleine gestellt wieder auf.

Am Anfang stand die Musik: ich muss doch verstehen, was ich spiele

Judith wollte schon mit zwei Jahren Geigerin werden. Als ihr großes Vorbild entdeckte sie schon mit sechs Jahren Itzhak Perlman. Fortan wollte sie alles spielen, was Perlman, einer der weltweit wichtigsten Geiger des 20. Jahrhunderts, dessen Familie selbst in der Shoa gelitten hat, gespielt hatte. So fand sie im Alter von zehn Jahren ein youtube Video, in dem Perlman die Filmmusik von Steven Spielbergs vielfach oscargekröntem Hollywoodfilm „Schindlers Liste“ spielt. So erstaunlich das für ein noch so kleines Mädchen sein mag, fühlte sie, dass sie, um die Filmmusik spielen zu können, erst wissen müsse, wovon der Film handele. Und wollte deswegen jemandem in die Augen sehen, der das „Schlimme“ erlebt hat.

Das Leben wollte, dass sie jemanden kennen lernen kann, der als Kind auf Schindlers Liste stand und so gerettet werden konnte: Jerzy Gross.

Gleiche – Ungleiche Freunde

Jerzy Gross lernt Judith kennen, als er gerade seine Geschichte das erste Mal öffentlich im Radio erzählt hat. Ob ihres so jungen Alters ist Jerzy Gross sehr skeptisch, prüft zunächst ihre Ernsthaftigkeit und Reife, lässt sich danach erst auf die Fragen der mittlerweile 11-jährigen ein. Willigt sogar ein, ihr seine Geschichte an den Originalorten zu erzählen und dafür nach 52 Jahren das erste Mal wieder nach Polen zu reisen. Wir wollen diese historische Reise dokumentieren. Allen Jugendlichen zugänglich machen. Grimme-Preisträger und Filmemacher Martin Buchholz gewinnt den WDR als Auftraggeber und begleitet beide mit seiner Kamera.

Reise in die Vergangenheit

Die Dialyse lässt Jerzy Gross nur vier Tage Zeit, spätestens dann muss sein Blut wieder gewaschen werden. Vier Tage, um in Krakau, Bochnia, Gross Rosen und Breslau dem Grauen und dem Terror seiner Kinderzeit wieder zu begegnen. Judith wird jeden Tag stummer werden, aber in ihren Augen spiegeln sich die Schrecken umso deutlicher. Jerzy Gross ist gefasst und überwältigt zugleich, als er an den Orten steht, an denen er als Kind nur eines hatte: Todesangst. Vor allem unter dem Balkon des „Schlächters von Wien“, des so unfassbar sadistischen Amon Göth, holt Jerzy Gross diese Todesangst ein. Später wird Judith sagen, in dem Moment hätte sie eine Ahnung bekommen. Danach hätte sie die Melodie von Schindlers Liste spielen können.

Chaim heißt Leben. Und aus einem Tagebuch wird ein Buch.

Eine Lektorin fand: Diese Geschichte müsse als Buch erscheinen. Die Geschichte machte es der Autorin Angela Krumpen leicht: Zwei begnadete Geiger begegneten sich in ihr. Und zwei Kinder. Das eine erzählt. Das andere hört zu und denkt über das Gehörte nach. So verflechten sich im Buch die Erzählungen von Jerzy Gross aus seinen Kindertagen mit dem Tagebuch des Kindes Judith, die ihm zuhört. ChaimDie beiden Erzählungen sind auch optisch voneinander unterschieden: wo Jerzy Gross spricht, zeigt ein „Chaim-Zeichen”, wo Judith schreibt, zeigt ein Notenschlüssel an.

Jerzy Gross und Judith. Live.

Auf der Bühne erzählen, lesen und musizieren die Protagonisten bei ihren Reisen durch ganz Deutschland. Vor mehr als 12 000 Menschen, die meisten davon sind 12-15jährige. Ihnen erzählt der alte Mann von der Zeit, als er der 12-jährige Junge Jerzy war. Der, als er mit 15 Jahren aus dem KZ befreit wurde, nur noch 27 Kilo wog. Die 15-jährige Judith zeigt dem gleichaltrigen Publikum mit ihrem Geigenspiel eine ganz neue Welt, die der klassischen Musik. Die offensichtlich auch dann noch trösten kann, wenn man nur noch auf der Welt ist, um gequält zu werden. Viele Fragen, existentielle, keine akademischen, brechen bei den Jugendlichen auf.

Abschied von Jerzy. Vergesst mich nicht. Aber habt Spaß!

Im Juli 2014 siegt der Krebs. Mit aller Macht, mit großer Unbeugsamkeit hat sich Jerzy Gross gegen seine Krankheiten gestemmt. Der Parkinson nahm ihm die Geige, die Dialyse die Freiheit, der Krebs den Körper. Sein Überlebenswillen war phänomenal. Nur sehr schweren Herzens ließ sich Jerzy Gross aus dem Leben, das er so gerne noch weiter gelebt hätte, reißen. Als Jerzy Gross und Judith sich endgültig verabschieden, weint Judith. Und Jerzy Gross sagt: „Vergesst mich nicht. Aber habt Spaß. Macht Pizzaparty.“

Es geht um uns. Um die Melodie unseres Lebens.

Wir haben versprochen, Jerzy Gross nicht zu vergessen. Ihn nicht. Und seine Geschichte auch nicht. Nicht weil wir am Tod festhalten oder Ewiggestrige sein wollen. Weil diese Geschichte von Jerzy Gross und Judith nicht nur „Spiel mir Lied vom Leben“ heißt, sondern genau das vermag: Das Lied vom Leben und die Lebensmelodie jedes einzelnen von uns, zum Klingen zu bringen.

Weitererzählen

Wenn Jerzys Geschichte nicht vergessen werden soll, dann müssen wir sie weiter erzählen. Dieses Weitererzählen zu ermöglichen hat sich ein kleiner Jerzy-Gross-Freundeskreis zum Ziel gemacht. Mit privaten Spenden und der Stiftung des Erzbistum Köln ist diese Website entstanden. PädagogInnen, PfarrerInnen und interessierte Erwachsene können sich an diesem virtuellen Gedenkort über die Geschichte von Jerzy und Judith, Buch und Film, sowie die Möglichkeit, Angela Krumpen zu einer Veranstaltung einzuladen, informieren.

Eine von der Künstlerin Sophia Pechau gestaltete Bronzeplakette, finanziert durch die Kölner Wohnungsbaugesellschaft GAG, schafft ab Mitte November 2015 einen Gedenkort in der Siedlung, in der Jerzy Gross zuletzt gewohnt hat.

Freundeskreis

Der Freundeskreis sammelt weiter Spenden, um das Jerzy Gross gegebene Versprechen einzulösen. Unter anderem mit Pizzapartys. Damit noch viele Jugendliche die Geschichte von Jerzy und Judith für ihr Leben entdecken können.